A Young Person’s Guide To Walking Outside The City (Alexander Hahn, 1983, GameArt/Artgame)

René Bauer

Der Text basiert auf einem Interview mit Alexander Hahn am 7. April 2025 in  Rapperswil. Das Interview ist Teil von CHLudens.ch und unveröffentlicht. 

Digitale Artefakte

Es gibt immer wieder Dinge, gerade in der digitalen Archäologie, die fördern dann wieder andere Dinge zu Tage, die Arbeit „A Young Person’s Guide To Walk …“ ist so eine. Man findet diese Arbeit zuerst im Archiv des HEKs, die dieses Archiv wiederum ‚geerbt‘ hat vom Plugin aus Basel. Eine der wenigen Institutionen, die sich überhaupt um digitale Kultur gekümmert hat schon vor 2000. Leider gibt es das Plugin nicht mehr, dafür das Haus der Elektronischen Künste.

Leiterlispiel 1972!

Alexander Hahn wächst in Rapperswil auf und fällt im Gamedesign schon früh auf, denn er entwickelt 1972 als Kantonsschulschüler (Gymnasium) in der Mathematik in APL an Teletypes (Schreibmaschinenterminal) remote ein Leiterlispiel auf einem ETH-Mainframe in Zürich. Nach der Entscheidung zu  würfeln bekommt man dann ausgedruckt, was passiert ist, und entscheidet, fürs Weitermachen oder nicht.

// Leider gibt es keine Spuren mehr von diesem „Spielobjekt“. Aber es lief vermutlich auf so einer Art von Teletype (Display und Eingabegerät oft verwendet für Mainframes).
(Bild: https://en.wikipedia.org/wiki/The_Oregon_Trail_(1971_video_game)#/media/File:Decwriter.jpg)

Studium und dann viele neue (digitale) Medien

Hahn studiert, arbeitet danach malerisch und macht Video- und Performancekunst. Dabei geht es oft um Science Fiction. Zu dieser Zeit lebt er in New York. Dies ist ihm aber offensichtlich nicht genug und so entstehen bald schon interaktive Kunstwerke.

Dabei verarbeitet er auch schon existierende LCD-Games zu neuen Installation wie im vorliegenden Fall:

https://www.alexanderhahn.com/cyborgs-other-new-machines.html

Er  entwickelt Installationen mit SciBorgs aus Elektroschrott sowie der Möglichkeit, mit dem Keyboard zu interagieren.

Der Landbote schreibt dazu (Ausschnitt von Hahn’s Webseite):

// https://www.alexanderhahn.com/cyborgs-other-new-machines.html

In der sehr futuristisch anmutenden Installation “It that once beat the masters” kann auch Schach gespielt werden. Flipper sollen auch eine Inspiration gewesen sein.

// Das Schachspiel in Action dahinter ein TI99 in Aktion (https://www.alexanderhahn.com/it-that-once-beat-the-masters.html)

Wobei jede Eingabe zu nichts führen wird, denn es sind keine Züge mehr möglich. Die Technik hinter diesem KI-Diskussionskunstwerk ist der Homecomputer Texas Instruments 99, der in BASIC das Visuelle und die Interaktion steuert. 

A Young Person’s Guide To Walking Outside The City

Dies wiederum führt zu “A Young Person’s Guide To Walking Outside The City”. Eine völlig digitale Arbeit.

Ein Video des Kunstwerkes findet sich hier: https://www.alexanderhahn.com/a-young-person-s-guide-to-walking-outside-the-city.html (Click aufs Bild startet den Video).

Dabei ist jemand zu Fuss unterwegs – offensichtlich im Niemandsland – keine Häuser oder Gebäude – vor der Stadt. Eine aufsteigende Sonne (später PacMan) trifft auf eine Wolke und verwandelt sich in eine Orgel, die Fische generiert, die durch die Luft fliegen.

// Hmm Sonnenaufgang – ein neuer Tag?

// Die Sonne (?) steigt und steigt

// Die Kollision der Wolke mit der Sonne. Übertragend gemeint?

// Die Orgel fällt vom Himmel

// Auf dem Weg durch die neue Welt umgeben von Cyberspace Fischen aus der Orgel

Das Ganze (die Fische) ist zufallsgeneriert. Etwas was ohne Computer fast nicht machbar erscheint.

// Dann spielt der Avatar Bach. Digitale Immersion?

Dann setzt sich der Avatar an die Orgel und spielt dort nun endlos Varianten von Bachs „Kanon“. „Kanon“ ist ein Werk von Bach. Mehr zu diesem Werk auf Wikipedia >

Der Spieler* kann dies nun unterbrechen, wann er will. Anschliessend flieht der Avatar per Velo und wird von PacMan/AnderesVelo verfolgt und kann letztlich in eine Tür/Feld fliehen, wo er wieder zur Wolke wird.

// Nachdem Abbruch des Orgelspiels verfolgt der Cyberspace-PacMan / das eigene rote Ich, den Avatar. PacMan und roter Gegen (dasselbe Ich? das virtuelle Ich?) switchen dabei permanent.

// Eine Flucht ins Feld rettet ihn und er kann zur Wolke aufsteigen. Der PacMan frisst den Rahmen auf. Fast schon ein Immersionsgameloop.

Das Ganze erinnert auch an Fassbinders Welt am Draht 1973 oder später Emmerich 13 Floor, 1999 nur mit Interaktion und mehr Game-Cyberspace. Das Ganze gehört auch unter das viel später entwickelte Genre der GameArt/ArtGames. Es beschäftigt sich ja zweifelsohne auch mit Games und das sogar noch im digitalen interaktiven Medium.

Neue Art zu Arbeiten: Von Hand Digitalisierung, der Zufall, Audiokompositionen

Hahn sagt zu diesen/r Arbeit, es sei eine neue Art der Arbeit gewesen:  Das Visuelle hätte er gezeichnet von Hand und dann  mit “Hüslipapier” in Code alias Sprites von Hand übersetzt. Auch soundtechnisch sei durch den Tongenerator sehr viel möglich gewesen. Es sei auch eine Art Weiterführung der Filmpraxis von “Found Footage” gewesen – nun mit Code, etwa mit Passagen aus Computerzeitschriften.

Lesarten und Gamekultur als Voraussetzung?

Der Beschrieb von der HEK Webseite (siehe hier) zeigt m.A. nach auch ein bisschen, wie wichtig es ist gerade bei Gamekultur inspirierten Dingen wie GameArt/ArtGames Kenntnisse der Gamekultur zu haben.

[…] zeigt einen surrealen Landspaziergang. Nachdem der Hauptprotagonist, ein kleines blaues Männchen, von einer Kanone mit fliegenden Fischen beschossen worden ist, bastelt er sich aus derselben Kanone ein Fahrrad auf dem er von der Kanone, die sich in ein beissendes, züngelndes Monster verwandelt hat, verfolgt wird. Die Rettung findet durch das Hochbeamen in ein Ufo statt, welches das Monster wutschnaubend allein zurücklässt. 

[….] schöpft der Künstler dabei voll aus, um einen nach allen Seiten hin unbestimmten und dadurch surrealen Bildraum entstehen zu lassen. So werden durch das wiederholte Auftauchen des Hauptprotagonisten am linken Bildrand, sobald er am rechten aus dem Bild verschwunden ist, Links und Rechts endlos aneinander rückgekoppelt. […] Das einfache Computerspiel-Stilmittel der Repetition wird zum Handlungsträger einer ironisch vielseitigen Narration.

// HEK Webseite

Diese obige Deutung des minimal interaktiven Spiels scheint eine klassische Deutung aus der Perspektive des Kunstsystems (Fine Arts, Videokunst, Film) zu sein. Und als das ist es auch ein interessantes Artefakt. Die Bezüge zur digitalen Kultur und Kunst – scheinen vollständig zu fehlen oder zumindest nur rudimentär vorzukommen. Eigenheiten des Mediums werden etwa dem Künstler* zugeschrieben. Es ist damit eine Lesart, aber eine Lesart, die wichtige Teile dieses Kunstwerks einfach links liegen lassen – nämlich die Einbettung des Kunstwerks in ein anderes System – in die Gamekultur.

Lesart mit Gamekultur-Wissen

Diese Art der Kunst baut nämlich auf dem Wissen über Gamekultur auf und ermöglicht damit eine doch erweiterte Deutung. Leider findet man diese Nicht-Einbettung in die Gamekultur noch heute bei GameArt Beschreibung. Das Monster ist eben ein „PacMan“-Monster. Hahn hat die Deutung des positiven Avatars vollständig gedreht und ihn dargestellt, was er ist: ein gefrässiges Monster. Dieses Monster scheint am Anfang eine aufgehende Sonne zu sein. Auch das kann man verstehen. Als die Sonne dann mit der Wolke verschmilzt, kollidiert. Ein wichtiges Moment von Spielen, entsteht (nach dem Künstler), die neue Orgel. Ein neues Instrument? Mit dem man neue Dinge tun kann? Ist das ganze selbstreflexiv zum Spielen oder gar Spielentwickeln? Auf jeden Fall sprüht es Fische nach aussen und erst als der Spieler* dann an der Orgel sitzt, verschwinden die Fische. Wird die Imagination nun ins Instrument gedreht, zu Musik? Spielen Menschen nur Variationen, falls sie spielen (Was sie in der Mehrheit der Fälle tatsächlich tun!)? Ist das gar ein Metakunstwerk zum Spiel allgemein?

Auf jeden Fall kann der Avatar dann aufhören zu spielen. Das Spiel abbrechen und nun ist der PacMan hinter ihm her und zwar in der „Realität“ draussen vor der Stadt. Der PacMan ist konsquent der Velofahrer in Rot (!) und der PacMan. Verfolgt hier die Fantasie des erlebten den Spieler*, das Spiel den Spieler*. Bricht hier das Spiel aus dem Magic Circle aus? Auf jeden Fall flüchtet der Spieler* dann in ein viereckiges Feld (ein Computertile). Und der PacMan frisst den Rahmen, Schutz, Schutzschield(?) langsam auf. Jetzt kann sich der Mensch mit Velo hochbeamen in ein Raumschiff oder eine Wolke?

Das Kunstwerk von Hahn ist vielschichter als es der erste Moment glauben machen mag, gerade wenn man es in den Bereich der Gamekultur und des Cyberspaces setzt.

Frühes Beispiel von Games in der Kunst oder/und von GameArt

Die Arbeit ist ein sehr frühes Beispiel im Crossbereich von Kunst und Games (Ästhetik,  Funktionsweise, Interaktion) nach den 1960er/70er Jahren mit ihren algorithmischen generierenden digitalen Kunstwerken in Bild und Text.  

Die Kunstwerke von A. Hahn findet man auf  https://www.alexanderhahn.com

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