Persönliche Findings aus 25 Jahren Förderung mit verschiedenen Rollen
René Bauer
Die persönlichen Erkenntnisse reichen hier von Stiftungen wie die Grossen wie Migros bis staatlichen Förderern wie ProHelvetia bis BundesamtfürKultur (BAK) oder Innosuisse über 25 Jahre und das als Antragsteller, Co-Antragssteller, Institutionsantragstellter, Ausarbeiter von Wettbewerben mit Institutionen, Institutionsvertreter, als Mitgründer zweier Festivals mit Fördercharakter, Mitgründer eines Publishers, Mitentwickler eines nie umgesetzten Museums für Game Design, als Co-Kurator von Ausstellugen, Co-Entwickler einer Diskussionreihe in D (in CH unmöglich) und als Person, die Unterstützungschreiben verfasst. Und ja in Juries war ich selbstverständlich auch schon. Und ja zu 99% unbezahlt versteht sich.
[Und selbstverständlich ist dieser Artikel immer auch pauschalisierend. Und vermutlich werden sich wieder die falschen Betroffen fühlen und die Betroffenen nicht betroffen. Aber andernfalls wird dieser Text 100 Seiten lang inklusive vielen hässlichen Anekdoten.]
Preise & Wettbewerbe
(Förder-)Wettbewerbe sind in der Schweiz leider mehrheitlich das einzige Mittel der Förderung. Ein Wettbewerb ist auch die Bewerbung für ein Stipendium, Werkbeiträge oder Förderbeiträge. Fast alles ist mehrheitlich Antrags gerichtet. Dabei wäre ein Mix mit anderen Förderauswahlmethoden viel sinnvoller. Es gibt wenige Insitutionen, die auch andere Wege gehen – so hat etwa das Migros Engagement etwa ein solches Gefäss – Es werden Leute mit Kompetenz gesucht (geheadhunted) und dann zusammengearbeitet, um etwas voran zubringen. Anders gesagt: Es gäbe Erfahrung!
CH-Maxime: „liberaler“ Markt
Wir (als Schweiz) sind ja auch das wirtschaftsliberalste Land Europas. Wettbewerb und keine Branchenförderung. Wirtschaftsförderung auf Bundesebene gibt es nicht, ausser vielleicht dem Konstrukt Innosuisse. „Nur keine Giesskanne!“ – „Es könnte ja einen ! falschen treffen und verhindert Vetternwirtschaft.“. Man nennt es hier „liberal“. Damit schafft man sich einige Probleme vom Hals: Hohe Kosten und eigene Kompetenz. Die Kompetenz liegt dann alleine in der Auswahl der Jury. Den Job kann dann jeder Manager* machen. Und ja Juries lassen sich auch gut schnell austauschen.
Die „Bewerbung“
Bewerbung für einen Wettbewerb: Man durchläuft einen Prozess. Einen Antrag stellen ist meist ein langwieriger und auch demotivierender Prozess. Meist keine Kategorie oder sehr veraltete Kategorien, experimentelles? Zukunft? Oh je. Ein weiterer Grund: In den meisten Fällen endet er feedbacklos, – ganz einfach ohne auch nur ein Feedback: Sei es textlich oder auch mündlich – geschweige denn mit einem Preis oder Förderbeitrag – selbst wenn die Personen schon im Ausland mal was gewonnen haben. Und Nachfragen tun auch hier wieder nicht die „Stillen*“. Also letztlich nicht die schweizerisch Sozialisierten, denn Nachfragen und sich für etwas einsetzen widersprichte dem unausgesprochenen „Wir wollen hier keine Querulanten“.
Wettbewerbe werben mit möglichst vielen Einreichungen
Anders gesagt: Die Institutionen lagern ihren eigenen Aufwand böse gesagt, einfach aus – nämlich auch die eigene Talentsuche. Besonders beliebt ist dazu auch noch, dass oft vor Wettbwerben dann kommt: „Melden sie sich, machen sie mit“ im Vorfeld. Wie oft habe ich das schon gehört. Der Grund dahinter ist oft banal. Wettbwerbe müssen ihre „Glaubwürdigkeit“ halt auch mit Zahlen belegen: Statistik. Quantität als Zahl schlägt fast immer Qualität. Wie soll man das schon messen?
Was man de facto fast nie erlebt: Im Offspace (hinter vorgehaltener Hand) „Schade haben wir sie damals nicht gefördert. Haben wir was verpasst.“
Punktuelle Aufmerksamkeit – 15 Min Spektakel des Spektakels
Dabei ist bei Preisen als Fördermittel die Argumentation auch meist, Aufmerksamkeit zu schaffen etwa für etwas bzw. das Feld, die Kunst, das Produkt, das Game. Das ist dann meist 5 Minutes of Fame. Dazu kommt dann Pressearbeit und ein kurzer Hype in den Zeitungen – oft leider dann aber auch nur in Fachzeitschriften. Das war es. Das reicht aber meist auch für den Förderer*. Denn als gutes Ergebnis zählt die Aufmerksamkeit. Artikel, Geschichten gut platziert. Dass der Rest des Jahres dann tote Hose ist – who cares? Dabei muss eigentlich jeder* Wissen fürs Design: alles ist designed!
Eigenwerbung – der eigene Förderbrand
Leider nutzen viele Akteure das Ganze aber auch oft, schlicht und ergreifend. um für sich zu werben. Erkennt man oft, wenn das Logo gleich gross ist wie der Titel von Ausstellungen. Oder für 2000 Franken Unterstützung dann steht: „Förder*: xyz“. In diesem Fall sind die Förderer* dann das Gegenteil von „schweizerisch“. Auch wenn die Hauptkosten bei den anderen angefallen sind. Und wenn man sich beschwert: Dann ist man im selben Boot. Beklag dich nicht!“
Alles ist dann immer gross und vorallem Publikums wirksam. Die Leute im Ausland sprechen einem dann darauf an: „Da läuft ja viel bei euch“. Und man sagt dann des Öftern: Na ja representativ ja, aber die konkrete Praxis eher Flaute. Oft hat man auch das Gefühl, viele Förderer* kennen die Strategien im Ausland wenig.
Förderer* und Aufbauarbeit dagegen, das ist nicht so ihr Ding. Weil Aufbauarbeit halt ‚dreckig‘ ist. Geduld verlangt. Darum wollten die meisten gerade die Dinge wie Animationsleute* mit Gamedesignern* zusammenzubringen etc. nicht unterstützen.
Verbesserungsmöglichkeit 1: Honorable Mentions – das Provokante
Aber eigentlich geht es bei solchen Preisen darum, die Leute (nicht die Förderer*) zu motivieren. Die Förderer* reden oft von dem Preisgeld. Aber viel wichtiger ist die Motivation: „Das Gemachte, Geschaffene bekommt Öffentlichkeit“. All die unbezahlte Arbeit des Kreativen* wird belohnt mit symbolischem Kapital. Die Arbeit dahinter ist meist nicht aufwiegbar und dann eher die Frage: Ist der Preis eigentlich ein Schlag ins Gesicht. Lustig ist immer wenn man den Budgetrahmen von Förderinstituionen mit der konkreten Fördersumme vergleicht. Oft ein seltsames Missverhältnis – so sehen es zumindest die Kreativen.
In diesem Sinn sind eigentlich Honorable Mentions wichtig. Hier können die Sachen geehrt werden ohne Öffentlichkeit. Eben die Dinge, die nicht einer Jury eine Mehrheit finden müssen, sondern meist interessanter sind, weil sie experimentieren, weil sie polarisieren. Weil sie auch Zukunft sind. Und hier kann sich die Jury ohne Mehrheitsentscheid austoben.
Denn: Juries entscheiden oft in Mehrheit und nehmen keine radikaleren Ansätze auf. Dies ist nicht nur bei Schweizer Juries so, sondern international. Ausnahme: Preisen die explizit dafür da sind.
Der Förderer* als Brand – ein Problem
Oft wollen Förderer auch nicht besonders radikal entscheiden, weil das ja auf ihren Brand zurückfallen könnte. Auch ein Fehler. Bei staatlichen Akteuren* dann oft der Staat und die Politik „Das bringen wir nicht durch“. Aber liebe Förderer*, das ist eben euer Job – diese Geschichte dann zu verkaufen! Kreativität braucht es auf allen Seiten. Die Kreativen verkaufen auch öfters ihre Seele. Und sagen auch irgendwann: „Warum zur Hölle, soll ich bei Designpreisen mitmachen? Das ist eh nicht die Art von Design für die ich stehe!“
Verbesserungsmöglichkeit 2: Angepasste Fördermethoden für kreative und schweizerisch sozialisierte Mentalität
Bei allem Wettbewerbsglauben – und ja den muss es geben. Man kann ja auch einen Mix finden. Also gleichzeitig Wettbewerb mit Eingaben und Headhunting zu machen (also das aktive Suchen).
Denn beim reinen Wettbewerb geht die kreative Mentalität total verloren. Kreative sind nun mal mehrheitlich keine Selbstvermarkter*, sondern wären sie in anderen Berufen. Anders gesagt: Es sind eben keine US-Amerikaner*, die jeden Furz hoch loben und erzählen. Nein diese basteln hoch kreativ und teilweise mit radikalsten cleveren Lösungen. Sie fürchten oft die Öffentlichkeit, mehr noch sich selbst zu vermarkten oder gar eine Firma in den Sand setzen. Dies ist kein Versuch, sondern eine Niederlage. Die die kein Problem haben mit in den SAnd setzen, sind Enterpreneuere*, da gehört das dazu. All das beschäftigt Kreative in CH. Dazu kommt der Aufwand.
Wettbewerbe sind ein massiver Aufwand. Viele Förderer* sind sich das nicht bewusst bzw. kommen mit dem schon leicht angestrengten Argument: „Da draussen ist auch der Wettbwerb“. Dazu muss man sagen ja. Das muss auch so sein. Aber eben nicht nur. Wenn die Art des nur Wettbewerbsfördern so erfolgreich sein würde, sähe es in der Schweiz besser aus auch International. Oder gibt es wenig Anspruch in CH? In diesem Sinn: Es braucht angepasste Fördermethoden. Auf Kreative ausgelegte Förderung. Die meisten Wettbewerbe sind aber das Gegenteil – sie könnten geradezu aus einer Anwaltskanzlei oder der HSG kommen bis hin zu den Formulierungen. Liebe Förderer* seid mal kreativ von den anderen verlangt ihr es auch! Ihr lebt sogar von deren Kreativität – vom symbolischen Kapital, dass der Förderer* auf sich überträgt.
Fördermethode für die Schweiz: Der MillesPlateaux-Wettbewerb
Schweizerisch sozialisierte Personen sind wie viele Kreative eigentlich scheu und zurückhaltend. Oder Design technischer: Sie sind Helvetica, sie wollen nicht auffallen (ein bisschen Swiss oder Flat Design). Sie sind teilweise brilliant, aber niemand wird je davon erfahren, weil sie es nicht rumerzählen oder nur in sehr kleinen begrenzten Communities. Man erfährt es nicht, es muss immer ganz fertig sein oder sonst ist es nichts. (Kreative) Schweizer* möchten gebeten werden, andere müssen für sie einstehen.
Wettbewerbe sollten deswegen so gestaltet sein, dass jeder* und jede* Menschen einreichen kann. Für sich oder jemand anderen. Einfach und kurz: Interessant: XYZ, Webseite oder Bild in eine Webdatenbank. Diese Einträge werden dann geprüft. Dazu kämen dann auch noch die Vorschläge von Headhunters, die eben systematisch Ausstellungen auch in Hinterbüzli besuchen und Leute vorschlagen.
Die vorgeschlagenen „Tipps“ sollten dann auch informiert werden, dass man ihre Arbeit interessant finden (gerade von Juries oder Headhuntern): Gerade wenn sie von Fachmagazinen, Headhunters oder Schulen kommen. Je nachdem könnten sie auch gewichtet sein.
Am Ende ist alles Motivationsdesign! Und Wettbewerbe ganz besonders. Man will ja die Besten* und nicht die Motiviertesten*. Die hat man ja heute auch schon. Das sind die, die sich nicht davon abbringen lassen einzureichen.
Dann findet der klassische Wettbwerb teil. Die Sachen werden durchgesehen.
Nebenfunktion Archiv
Dadurch entstände auch ein Archiv interessanter Arbeiten in CH über die Jahre und Jahrzehnte. Und man könnte im Jahr darauf die oben auf den Listen nochmals anschauen. Man könnte auch Preise vergeben für Talente über die Jahre. Auch wäre es möglich eine Geschichte zu schreiben und zu sehen, warum man wichtige Trends einfach verschlafen hat.
Verschiedene Designkulturen – Designbegriff
Es gibt verschiedene Designkulturen in der Schweiz. Leider wird nach wie vor die grosse Zeit des Schweizer Design der 50/60/70er Jahre hochgehalten. Dieses Design war teilweise so erfolgreich, dass es auch wieder gehasst wird: Globalisierungschrift Helvetica.
Gerade die interaktiven Medien und die Games haben ganz andere Kulturen als diese. Sie grenzen sich sogar bewusst davon ab. Dies muss berüchsichtigt werden. Scheint aber überhaupt nicht der Fall.
Wer sich durch die Schweizer Designpreise klickt – BAK oder Designpreis Schweiz etwa bekommt einen sehr altmodischen Begriff von Design zu spüren. Da hat man das Gefühl, es gehe immer noch sehr um Oberfläche – nicht dass das nicht wichtig ist, aber nicht nur. Und das ist dann wirklich sehr altmodisch. Dabei geht es auch um Funktion, Innereien, Code design. Zum Glück ist es in der Kunst nicht anders. Da fällt es nicht so auf. Und ja hier fehlt bis heute einfach auch das Personal, wie es scheint.
Man stellt ein fast vollständiges Fehlen von rein digitalen Arbeiten fest.. Es scheint auch so als sei man um 2000 ein bisschen bemüht gewesen und dann wieder sehr schnell zurückgefallen in alte Muster. Und ja wenn ein Feld eben nicht privatwirtschaftliche beackerbar ist, dann sollte der Stadt eingreifen.
Hier eine kleine Anektode aus dem Bereich Hochschule-Wirtschaftsförderung (KTI heute Innosuisse): Auf die Frage, ob sie denn sowas wie Twitter oder Facebook-Games gefördert hätten – kam die Antwort – sehr schnell. Sicher nicht, das gibt ja nicht viele Arbeitsplätze und dann als Partner müsste man natürlich eine grosse Firma haben wie Swisscom. Ist das noch zeitgemäss? Ist das überhaupt Förderung?
Dies ist aus einem ganz anderen Bereich als Design/Entertainment. Das Problem ist aber dasselbe. Risikominimierung. Und keine Klausel wie „Wir investieren in 30% Risikoprojekte“.
Risikoprojekte – 30%
Wenn in einem Wettbewerb alle Projekte fertig werden oder gar ein Erfolg werden, dann ist das Riskmanagement des Wettbewerbs schlecht. Es wurde zu wenige in riskante Projekte investiert. Darum sollte jeder Wettbewerb eine Klausel haben, dass 30% Risikoprojekte sind.
Jury – keine mixed Juries für virtuelle Welten wie Games!
Juries müssen im Falle von rein virtuellen Welten wie Games fachspezifisch sein.
Warum?
Games sind spezifische Produkte und nicht zu verwechseln mit anderen Design oder Entertaiment Produktion. Das heisst, sie sind nur interaktiv erfahrbar. Das Motivationsdesign ist intrinsisch und nicht wie bei vielen Design Produkten extrinsisch.
Viele – gerade wenn es sich um seriöse Angehörige der Designzunft geht – sind oft auch prinzipiell gegen Games eingestellt (wie ein Teil der Gesellschaft auch): Sie sind nichts wert, das tun (bis heute hält sich das) nur Kinder und überhaupt, die Grafik. Die Wahrheit: Die Grafiken sind anders, weil man eben nicht beim Analogen dazugehören will.
Es gibt auch ein Missverständnis zwischen, ich kann „spielen“ und ich verstehe etwas von Spielen. Dies ist sogar bei Gamedesignern* weit verbreitet.
Games – müssen zwingend eine eigene Kategorie sein in Wettbewerben
Daraus folgt, dass etwa Games zwingend eine eigene Kategorie sein müssen. Denn sie sind nun mal anders, als die anderen Arten von Produkten und das seit Jahrtausenden.
Förderer: Habitus
So das war es von meiner Seite. Anekdoten gibt es viele zu erzählen. Aber das tut man dann doch eher im persönlichen Gespräch, da die meisten Akteuere in diesem Feld nicht wirklich über ihre eigene Tätigkeit lachen können. Denn so – ihr Habitus: Sie tun ja etwas Gutes.
Allerdings muss man ihnen immer wieder entgegenhalten: Aber ihr werdet dafür wenigstes bezahlt! Meist egal, wie es läuft.
In diesem Sinn bearbeiten viele dasselbe Thema, aber man* sitzt eben überhaupt nicht im selben Boot.
Nein, danke
Selbstverständlich gibt es auch viele positive Erfahrungen in den letzten 20 Jahren. Aber man muss daran arbeiten, was eben nicht geht.
Persönlich habe ich mich eigentlich von dem Thema nach der Mitwirkung an der Zürcher Game Förderung verabschiedet (die deutlich besser war als andere Diskussionen – wenn viele Resultate dann doch anders sind) – aus mehreren Gründen. Einige konnte man hier oben lesen. Vielleicht hilft es Einigen* beim Einstieg in dieses „Métier“.
Viel Spass damit