Das „Hässliche“ war immer schon ein gesellschaftliches Problem. Lange galt es klar, was das Hässlich sei und dass es zu bekämpfen wäre – im Sinne des Guten. Das Hässliche war so etwas wie ein anthropologische Konstante. Dabei wurde das Hässlich natürlich in diesem Diskurs mit negativen Dingen in Verbindung gebracht wie Zerstörte Körper, Tod, Armut etc. Im Sinne von das Schöne und Gute. Und dann waren halt gewisse Dinge grausig und oft auch eklig. Also oft mit Körperreaktionen verbunden.
Die Griechen und Römer
Die Dinge mussten schön sein und dann auch noch gut. Der Teufel etwa sah sicher hässlich aus, aber dann auch wieder hübsch und verführerisch, quasi das falsch schöne. Aber die griechischen und römischen Vorbilder – alles schön.
War Christus hässlich? Oder sollte er hässlich dargestellt werden?
Interessanterweise hat sich auch das Christentum damit auseinandergesetzt. Normalerweise war etwa Jesus hübsch. Einige fragten im Mittelalter zu recht: Ist das aber nicht zu einfach. Jemanden schönen zu „lieben“ sei ja quasi „billig“, zu einfach. Und deswegen wurde sehr darüber gestritten, dass Jesus eigentlich hässlich sein müsse. Erst das sei eine Herausforderung. Mainstream wurde diese Sache nicht, die „Kunst“ jener Jahre lobte den Gott mit viel Prunk und Pump – ein Teil der Kirche ist bis heute so geblieben. Darum auch die Kunst, ob es in diesen Gesellschaften überhaupt Kunst im modernen Sinne gab.
Teufel! Führe mich nicht in Versuchung.
Diese Linie zog sich natürlich weiter, sei es in Romanen, der Musik. Hier wird das „Harmonische“ als schön „empfunden“ oder gar „gut“. Dabei gibt es natürlich dann auch den Diskurs dagegen etwa des „Verführerischen“ oder „Nicht alles was glänzt, ist Gold“. Dahinter steckt aber dennoch meist der Diskurs des Schönen. Und selbstverständlich galt lange die Natur als hübsch und gut, schmückte Jahrhunderte die Welt der Architektur, der Gegenstände. Es gab sogar die Suche nach der Idee des Guten und Schönen, der perfekten Form, was wiederum meint der Zeitlosen Form. Oder moderner: Der anthropologisch ewigen schönen Form. Schlimm war in diesem Wertesystem natürlich das erste Haus in Wien, das quasi nakt war. Es besass keine Ornamente und das im 19 Jahrhundert. Es war quasi nur noch abstrakte Form – etwas was später auch so gesucht wurde. Etwas jenseits der klassischen Kultur. Das Geometrische. Das kann ja nicht hässlich sein, das sind ja nur perfekte Formen. Auch das ist natürlich ein bisschen naiv.
Die Diktatur des „Schönen“
Die Idee Gut und Schön zu verbinden und damit die Welt massiv einfacher zu machen, ihr die Ambiguität zu nehmen, sie einfach lesbar zu machen, führte dann natürlich auch direkt hinüber zu Lavaters Physiognomien (ZH) und seinem, dass man gut und schlecht auch an der Oberfläche der Menschen sieht. Die Nazis machten dann da weiter. Und versuchten alles zu Designen in ihrem Totalitären System – ein ewiges Reich – entzeitlicht. Enthoben der Veränderung.
Die Schönen Dinge
Aber nicht nur da hing man dem Ewigen an: Wer heute Gegenstände anschaut, dann müssen die auch „Gut“ aussehen, ästhetisch sein. Man denke etwa auch an das Bauhaus (das ja gerade weitermacht mit den nakten und konstruierten Häusern), bei der die Form weiterhin eine Rolle spielt oder an Max Bill und die „Die gute Form“. Und sei es auch nur die gute und reine Form. Dinge die helfen Sachen schnell zu entschlüsseln. Die Musik funktionierte ja auch lange so.
Die Welt – ein auch hässlicher Ort (im Alten System der Dinge)
Dabei ist selbstverständlich Schönheit etc. auch Teil der Kultur, der Wertung und der Konstruktion. Das zeigt gerade auch das nakte Haus in Wien klar. Heute ist der Betonschick nicht mehr wegzudenken. Aus Fabrikhallen wurden schöne Orte etc. Lange Zeit aber war die Hässlichkeit dem Teufel zugeschrieben Art der Ästhetik (siehe auch Lavater) wurde dann später im Symbolismus, Brutalismus, Kunstbewegungen und radikal im Punk erschüttert. Nicht desto trotz ist sie weiterhin da – als Mainstreambewegung.
Viele der obigen Bewegungen werteten Dinge um, etwa Kurzgeschorene Haare als Verbindung/Sympathie mit den Ausgestossenen, den Häftlingen (die sie im dritten Reich oder in totalitären Systemen nicht nur symbolisch sind) oder später Alltagsgegenstände als Kunst oder Trash als Ausgangspunkt (normalerweise ganz hässlich), um neue Dinge zu schaffen. Quasi aus dem Abfall der Gesellschaft.
Wertung von Ästhetik (visuellen Rules) vom System abhängig
All diese Systeme machten neue Systeme denkbar und möglich und relativierten nur eine Art von Ästhetik oder System, waren auch ein Antistatement zur „schöne“ Regeln wie etwa dem goldenen Schnitt. Ästhetik wurde unabhäniger vom Massensystem oder anders gesagt dem LLM eines Hauptsystems. Es wurde auch individueller.
Gut und Böse oder Hässlich und Schön wurden wie alles andere zu einer Konstruktion oder wie es George Spencer Brown in Zürich mal gut sagt: „Gut, ist was deine Mutter sagte, sei gut“. Dies zeigt gerade etwa auch die Punkkultur.
Das Gute und Schöne wurde damit zu etwas, was zu einem bestimmten System gehört. Und da muss man nicht nur an totalitäre System wie die Nazis denken, die versuchten auch die Welt zu designen und so von aussen prorammierbar zu machen oder indirekt die Menschen zu beeinflussen von Architektur bis zu den Kleidern.
Dagegen waren Punks unterwegs mit Kleidern, die zu ihrem System gehörten, die in ihren Augen Zugehörigkeit und anders waren. Die ein ewiges System und seine Werte zutiefst anders dachte, als Gegensystem. Dabei wird jedes System natürlich irgendwann selbst zu einer statischeren Form/Regeln, wenn sie nicht ewige Revolte als Form bzw. Regeln hat. Visuelle Regeln sind ja nichts anderes als andere Regeln in Systemen und eben auch Motivation.
Das Fiktion und die Kunst
Die fiktionalen Medien wie etwa Kunst hatten sowieso immer Probleme mit dem Bösen und Hässlichen. Denn es kam automatisch vor, wenn man sich mit Dingen auseiandersetzt, denn die Welt ist eben nicht nur schön sondern die Welt. Hässlich und schön. Und Schön und Hässlich ist eben nicht dasselbe, das hätte man spätestens nach dem Naziregime über Europa begreifen sollen. Hat man anscheinend aber nicht. Denn Menschen sind eben nicht ihre visuelle Oberfläche, sie sind Handeln, innere Werte. Die bürgerliche Gesellschaft und auch viele Liberale verlangen bis heute eine Schein und Sein Gleichheit, weil alles andere, verschiedene Rollen zu kompliziert sind für sie. Dabei spielen wir immer gesellschaftliche Rollen und ein Arbeitsleben ist selbst heute fast nicht lebbar – wenn die Person auch gleichzeitig die Arbeitspersonrolle ist.
Mit dieser Diskrepanz muss man leben, das ist die unhintergehbare Sache der Welt oder sagen wir der sozialen Welt. Gut und Böse in dieser Abstraktion sind ja auch keine eigentlichen Werte sondern sind viel zu Statisch in einer sozialen Realität. Und gewisse Kunst funktioniert gerade deswegen, weil es eben kein System mehr ist, das nur eine Differenzierung hat gut/böse oder hässlich/böse.
Fiktionale Gegenstände
Weil fiktionale Gegenstände wie Kunst oder als Medien Text, Filme und Spiele näher oder weniger „nah“ an der Welt liegen, sind sie natürlich selbstverständlich auch offener geworden oder ermöglichen es schon immer offener zu sein, denn sie sind letztlich Konstrukte. Sie entwerfen Welt neu und anders, denn sie sind nicht die Welt oder wenn ein Teil davon. Sie sind eine eigene Welt.
Und diese eigene Welt aus Reglen mit mehr weniger Regeln aus dem „Physischen“ oder „Realen“ machen diesen Magic Circle aus. Und Fiktion wie Spiele leben geradezu öfters von den Polen „Gut – Böse“ oder „Lokal Gut – Böse“ und entwickeln dadurch Spannung, Offenheit.
Aber wie soll man das nun darstellen? Die Literatur, der Film haben verschiedenste Formen gefunden, interessanterweise sind sie sehr oft, sehr Stereotyp gerade im Game. Da stört sich dann auch niemand am Zusammenschluss von Innen und Aussen wie bei Lavater. Die Stereotypen sind dabei so „hässlich“, dass man sich öfters fragt: Geht es eigentlich noch?
Das Game Böse oder die Visualität des Bösen (Kohärenz)
Und dennoch muss dieses Böse in den Roman, in den Film, ins Game. Die meiste Literatur, Film, Games machen dies indem sie mit Gestaltungsregeln arbeiten, die überall gelten. Und dann wird das Böse da eingebettet. Es gehorcht als „Böses“ dabei der Fiktion und fällt selten raus. Das Böse ist selten in andere Art von Beschreibung, Einstellung oder Filmsprache unterwegs. Noch am ehesten im Horrorfilm wird hier experimentiert oder bei den Aussagen von Personen, aber nicht der Beschreibung davon. Dies ist vorallem bei visuellen Medien am weitesten verbreitet – so der Eindruck – hier ist das Böse leicht anders dargestellt etc. Bei Games etwa wird oft eine Bildsprache für alles gesucht und dann darin das Böse embedded. Die Kohärenz ist dabei gewährleistet. Selbst das Böse fällt nicht aus dem Rahmen oder ist wie bei der christlichen Kirche Teil von Gott und seiner Schöpfung (Reentry of the form, um mit Spencer Brown zu sprechen). Die meisten Games gehen darüber nicht hinaus.
Die Angst besteht, dass sonst der Magic Circle, die Imagination zerstört wird.
Neben diesen Display Regeln: Spielmechanikregeln
Was Gut und was Böse ist wird in Games meist schnell klar. Das Spiel belohnt die im System wichtigen Aktionen/Spielmechaniken. Das heisst: „Mami – alias Games – sagt schnell, wo es langgeht“ Und damit ist dann auch klar, was „Gut“ ist. Die meisten Games folgen diesem Gedanken schnell und radikal und meist auch sehr einfach. Das wird dann auch meist visuelle so unterstützt, das „Richtige Verhalten“ wird mit klassischen Werten der Gesellschaft positiv bewertet und eben auch negative bestraft. Der Avatar stirbt oder er kriegt goldene Sterne, Punkte. Dasselbe gilt natürlich auch auf der Soundebene oder teilweise in der Steuerung (etwa bei ShootEmUps mit Speed-Extras).
Selbstverständlich lässt sich die klassische minimalste Definition von Schönheit als ein einfaches Regelwerk lesen, etwa auch in der Spielmechanik. Clean, Sauber und Schön. Eine sehr einfach Sache.
Hier können Dinge nicht passen, kein ’schönes‘ Bild aus Regeln ergeben. Hier wäre das Hässliche dann unpassende Regeln, zum Setting zur Regelmechanik.
Ein hässliche Spielemechanik kann aber auch natürlich auch in der Kategorie sozial hässlich sein, oder Werte hässlich.
Zusatz – Mach eine hässliche Demo
Es ist ein interessantes Experiment in einem Rahmen mit seiner eigenen Kultur, etwas zu machen, das dem widerspricht, also die Regeln nicht beachtet oder anders gesagt, etwas ‚hässliches‘ / Unpassendes macht.
Im Rahmen von CHludens entstand folgende Demo:
https://research.swissdigitization.ch/?p=3393
Dabei ging es genau um diese Frage: Was ist „Hässlichkeit“ in diesem System.