Das 1962 erschienene Spiel „Twixt“ ist vermutlich nicht wenigen ein Begriff, die Rolle, die der amerikanische Klebstoff-, Verpackungs- und Baumaterialriesen 3M in der Entwicklung moderner Brettspielkultur gespielt hat, eher weniger.

Neu im Gamelab haben wir drei Titel der 3M Bookshelf Games in der Sammlung. 3M, die Firma, die heute vor allem als Hersteller von PostIts und Klebestreifen bekannt ist, war von 1962 ein gewichtiger Player im amerikanischen Brettspielmarkt. In den 1960ern waren Brettspiele für Erwachsene ein wachsender Wirtschaftszweig, den der Verlag Avalon Hill mit Kriegsspielen („Kosims“) bearbeitete. Wer spielen wollte, konnte also zwischen Spielzeug (für Kinder) und Krieg (für Erwachsene) entscheiden.
3M stellte damals (wie auch heute) eine riesige Palette an Produkten her. Die Firma besass die Fähigkeit, alle Materialien für Brettspiele intern herzustellen: Von Plastikteilen über Klebstoffe für die Kartonschachtel bis hin zu den Druckfarben. Sie beschloss in den Brettspielmarkt einzusteigen, der damals grosse Wachstumsraten verzeichnete. Unter den ersten veröffentlichten Spielen sind Alex Randolph’s Twixt und Sid Sackson’s Acquire. Die beiden Designer prägten die Linie nachhaltig. Zwei Kniffe sind entscheidend: Erstens sollten die Spiele strategische Elemente in den Vordergrund stellen – damit grenzten sie sich von den primär auf Glück fokussierten Kinderspielen ab – und zweitens wurden sie in Form von Büchern veröffentlicht. Sie wurden mit dem Slogan „If you’ve got a bookshelf, you got a game room“ (Wenn sie ein Büchergestell haben, haben sie auch ein Spielzimmer) vermarktet. 3M mache damit deutlich – ob bewusst oder unbewusst, ist nicht klar – dass Spiele ein Kulturprodukt sind, das sich auch an Erwachsene richten kann. Anderseits natürlich auch, dass Spiele sich an ein bestehendes Medienformate anbiedern musste, um ernstgenommen zu werden (Das ist doch noch heute so, wenn man in Schweizer Kulturredaktionen schaut).

Interessant ist die Verbindung in den deutschen Sprachraum: Alex Randolph ist im deutschen Sprachraum bei Brettspielern ein bekannter Name: Mit Sagaland entwickelte er eines der bekanntesten Kinderspiele der 80er Jahre, das 1982 auch die Spiel des Jahres – Auszeichnung gewann. Diese Verbindung kommt nicht von ungefähr. Alex Randolph wurde 1922 im heutigen Brno (Tschechien) geboren und ist der Sohn einer amerikanischen Mutter und eines russischen Vaters. Er wuchs in Venedig auf, und besuchte ein Internat in der Schweiz. Das Spiel TWiXT soll er in Wien entwickelt haben. Nach dem Verkauf der Bookshelf Games wurde es im deutschen Sprachraum von Schmidt Spiele veröffentlicht, und wurde auch hier ein grosser Erfolg – und 1979 für Spiel des Jahres nominiert.
Der deutsche Spielemarkt, von dem wir glauben, es habe ihn immer schon so gegeben, existiert damals noch kaum. Die Bookshelf Games sind aber ein wichtiger spiritueller Vorläufer dessen Entstehens. Auch in Deutschland existierte eine Bewegung, vor allem von Spielekritikern wie Eugen Oker, die sich dafür einsetzte, dass Spiele als Kulturgut angesehen werden sollten. Daraus entwickelte sich später der Verein „Spiel des Jahres“, dessen Ziel es nicht etwa ist, Spiele zu prämieren, sondern das Spiel als Kulturgut in der Gesellschaft zu verbreiten.